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Der Besitzer des Campingplatzes kam zu unserer – direkt an den schönen Brienzersee grenzenden – Parzelle. Ich dachte, er wolle uns einen schönen Abend wünschen. Doch es ging ihm um etwas anderes: Unser Sohn Ben war auf dem Weg zum weiter entfernten Wohnmobil seiner Grosseltern offenbar am Rand über die anderen Parzellen gelaufen, statt den regulären Kiesweg dahinter zu benutzen.

Also erläuterte mir der Eigentümer die Regeln: «Wir gehen hier nicht über den Platz der anderen». Mit Blick aufs Kanu, das mein Mann und unsere Tochter soeben ausgeliehen hatten, fuhr er fort: «Und die Boote bringen wir dort vorne am Steg ins Wasser, nicht hier. Sonst gehen sie kaputt.»

 

In der Schwingung des anderen

Seine beiden Anliegen waren für mich gut nachvollziehbar. Auch war er sichtlich um einen höflichen Tonfall und ein Lächeln bemüht. Dennoch lösten seine Worte ein unangenehmes Gefühl in mir aus.

Ich ging diesem nach und reflektierte, was genau mich an seinen Aussagen getriggert hatte. Ich kam auf zwei Gründe:

Zum einen hatte ich wahrgenommen, dass er trotz seiner ruhigen Äusserungen spürbar aufgebracht war. Diese Aufgebrachtheit war energetisch auf mich «übergesprungen» – ich war gleichsam in sein Energiefeld geraten und hatte seine Schwingung übernommen.

Zum anderen landete ich bei einem kleinen Wort, das – je nachdem, wie es eingesetzt wird – subtil übergriffig wirkt. Es geht um das Wort WIR.

 

Wenn Eltern Grenzen auflösen, wie soll das Kind sie dann wahren?

In meinem online-Training für Mütter thematisiere ich diesen Übergriff im familiären Kontext.

«Wir gehen jetzt die Zähne putzen!»: Wenn Eltern WIR sagen, obwohl sie nur das Kind meinen, heben sie die Grenzen zwischen sich und dem Kind auf. Sie vereinnahmen es. Das ist eine Grenzüberschreitung – ein Übergriff.

 

 

Dieser ist für das Kind deutlich spürbar, wenn auch unbewusst. Dies gilt insbesondere, wenn sie eine Leistung des Kindes zu ihrer machen. Das geschieht mit Sätzen wie «Wir können nun den Buchstaben R sagen!» oder «Wir haben das Abitur geschafft!». In meiner Erfahrung kommen solche Aussagen auch Eltern über die Lippen, die meinen, solches niemals zu sagen.

Die Frage ist: Wenn Mütter und Väter sprachlich die Grenzen zwischen sich und ihrem Kind aufheben, wie soll das Kind sie dann wahren können?

 

Wenn ein WIR mehr ausschliesst als verbindet

Die eingangs beschriebene Situation liess mich die übergriffige Wirkung von WIR-Sätzen wieder einmal selbst erfahren – in einer Konversation, an der nur Erwachsene beteiligt waren.

Als der Campingplatzbesitzer sagte, dass „wir hier“ nicht über den Platz der anderen gingen, bedeutete dies auch: Ihr seid nicht Teil der Gruppe. Unser Sohn hatte dieses ungeschriebene Gesetz ja missachtet. Ich fühlte mich bei seiner Massregelung, als würden wir nicht zur Camping-Gemeinschaft gehören.

Ausserdem hatte Ben die Regel – so offensichtlich sie erscheinen mag – weder gekannt noch mit erarbeitet. Weshalb also WIR?

 

Die Lösung: Ich spreche von mir aus

Ob spitzfindig oder nicht: Mein Gefühl nach diesen WIR-Sätzen sprach Bände. Es war heilsam. Seither bin ich noch aufmerksamer, bei der Erinnerung an unsere familiären Grundsätze das WIR aussen vor zu lassen: «Für Papa und mich ist es wichtig, dass …» oder «Ich wünsche mir, dass wir alle ….» sind übergriffsfreie Alternativen. Mit diesen Botschaften gehe ich von mir aus – und überlasse es den anderen, ob sie sich meinen Regeln oder meiner Betrachtungsweise anschliessen wollen.

So ist auch der Campingplatzbesitzer gut beraten, das nächste Mal beispielsweise zu sagen: «Auf unserem Campingplatz gilt die Regel, dass … . Ich bitte Sie, sich ebenfalls daran zu halten.»

Mit dieser klaren Kommunikation kann ich das Gesagte leicht annehmen – und WIR werden seiner Bitte jederzeit gerne nachkommen.

 

 

PS: Im Chat meines Telegram-Kanals (https://t.me/WortewirkenWunder) schrieb Regine nach Erschienen dieses Blogs folgende passende Ergänzung:

„Das ist vergleichbar mit der Aussage eines Arztes gegenüber einem Patienten: ‚Na, wie geht’s UNS denn heute?‘ Diesen Satz hatte ich sofort im Kopf. Und es gibt heute so viele Beispiele, in denen dieses übergriffige WIR benutzt wird. Ich mache es wie Du und achte bewußt darauf, wann ich es einsetze.“

Danke für deine wertvolle Rückmeldung, Regine!