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Im Wohnmobil unterwegs zu sein, bringt alle Arten von Erfahrungen mit sich. Zum einen gehen neue Welten auf: Wir sehen unbekannte, wunderbare – und manchmal auch trostlose – Landschaften; wir lernen Gleichgesinnte aus anderen Ländern kennen, die zu Freunden werden; wir entdecken neue Gefühle und Aspekte an uns selbst.

In letzter Zeit nehmen wir vor allem Einschränkungen wahr: Das freie Leben im Camper wird durch auffällig viele neue Verbotstafeln reglementiert, die das Stehen an schönen oder ruhigen Orten untersagen. An Stellen, die wir seit Jahren zum sporadischen Übernachten aufgesucht haben, prangt nun ein Schild mit durchgestrichenem Wohnmobil und Zelt.

 

Delikt «wild campieren»

Als Begründung für diese Entwicklung höre ich ab und an, welch Chaos die zunehmende Anzahl an Campern an solchen Orten hinterlässt. Sicher, auch wir haben schon erlebt, dass Camper ihre Abfälle liegen lassen, statt sie mitzunehmen und zu entsorgen. Doch regt sich in mir Unmut darüber, dass ich als ordentlicher Mensch unter den Generalverdacht einer potenziellen Abfallsünderin gestellt werde.

Gleichzeitig geht mir die Frage durch den Sinn, ob dieses Verhalten eine Folge der fehlenden Eigenverantwortung ist, für die die gleichen Stellen mitverantwortlich sind, die unser Leben mit Geboten und Verboten steuern wollen?

Heute Nacht standen wir mit unserem Wohnmobil an einem unserer Lieblingsorte im Berner Oberland, direkt angrenzend an ein magisches Wäldchen. In diesem Wäldchen sass ich heute früh und machte mir Gedanken dazu, dass ich bei solch «wilden» Übernachtungen ausserhalb eines Campingplatzes ein subtil schlechtes Gefühl habe. Beim Einschlafen hält sich latent die Frage im Hinterkopf, ob wir vielleicht von der Polizei geweckt werden, wie kürzlich im Vintschgau – oder von einem Nachbarn, der in vorauseilendem Gehorsam Polizei spielt.

 

 

Das einzig gültige Gebot für Menschen: «Do no harm»

Gleichzeitig dachte ich an das Gesetz, das ich unlängst kennengelernt habe und das sofort mit mir resonierte. Das einzige Gesetz, das ich als Mensch zu beachten habe: «Do no harm» – füge keinem Lebewesen Schaden zu. Das gilt auch für die lebendige Natur. Wer den Kontakt mit dem eigenen inneren Wesen und die Verbundenheit mit allem erhalten hat, handelt automatisch danach.

Ich habe jedoch den Eindruck, dass wir in einer Welt leben, in der die Menschen von sich selbst entfremdet sind. In dieser Entfremdung geht das Gefühl verloren: Das Gefühl für den eigenen Körper, das Gefühl für Wahrheit und Authentizität, das Gefühl für natürliche Grenzen. Das wiederum führt dazu, dass manche glauben, dass sie ihr Leben nur noch innerhalb von Regeln und Verboten führen können. Diese geben ihnen jene vermeintliche Sicherheit, die sie sich selbst nicht mehr zu geben imstande sind.

In meiner Wahrnehmung wird diese Entfremdung genau deshalb bewusst provoziert: Sie erhält die Macht jener, die die Regeln aufstellen.

 

Verbieten: Das Gegenteil von «lieb» sein

Das Wort Verbot ist eine Variante des Verbs bieten, das «darreichen, anbieten, gewähren» bedeutet (althochdeutsch biotan = bekanntmachen, entgegenstrecken, anbieten). Die Vorsilbe ver- dreht das Verb ins Negative: Es wird etwas weggenommen oder nicht gewährt.

Interessanterweise ist das Gegenteil von verbieten – erlauben – mit dem Wort «lieb» verwandt[1]. Erlauben wir (uns) etwas, sind wir lieb! Die provokative Frage drängt sich auf, ob dem, der verbietet, die Liebe fehlt?

Das Gefühl, das ich beim Betrachten einer Verbotstafel habe, gibt auf diese Frage die eindeutige Antwort: Ja. Wer mir etwas verbietet, spricht mir meine Eigenverantwortung ab. Das empfinde ich als ablehnend, trennend, beschneidend.

 

Immer mehr Verbote, immer weniger Eigenverantwortung?

Der Staat gesteht seinen Bewohnerinnen und Bewohnern in meiner Wahrnehmung immer weniger Eigenverantwortung zu. Jüngstes Beispiel dafür ist das schweizweite Verbot, ein Feuer zu entzünden. Wir haben mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass das am 1. August erlassene Verbot bis heute flächendeckend aufrecht gehalten wird – obwohl es zwischenzeitlich geregnet hat, und auch an Feuerstellen, die keine Gefahr bieten, einen ungewollten Brand zu entfachen. Ist diese generelle Einschränkung legitim?

Was soll diese Zunahme an Verboten bedeuten? Entspricht sie einfach dem Zeitgeist? Sollen wir an Einschränkungen gewöhnt werden? Bereitet sie uns auf weitere Einschränkungen vor?

Wie dem auch sei: Als Reaktion auf all die Verbote bin ich lieb zu mir und erlaube mir, meinen gesunden Menschenverstand einzuschalten und mir zu überlegen, welche Regeln ich für sinnvoll halte und welche nicht. Um mich dann auf das oberste Gesetz zu besinnen, das für mich als Mensch gilt: «Do no harm» – füge keinem Lebewesen Schaden zu.

 

 

[1] Die einen nehmen an, dass das Wort erlauben wie loben und glauben mit dem indogermanischen Stamm «leubh–» = lieben zusammenhängt. Die anderen sehen Parallelen in der Bedeutung des lettischen «ļaūt» = erlauben, gestatten, zulassen oder in einer anderen indogermanischen Wurzel «lēu–», die lassen bedeutet. ((Quelle: Joachim Schaffer-Suchomel und Krebs, Klaus (2015): Du bist, was du sagst. Was unsere Sprache über unsere Lebenseinstellungen verrät. mvg Verlag, München))